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Kurz nachdem wir von unserem Törn zurück sind lese ich auf der SKO Seite die Meldung: „Tobias segelte von Skagen – Arendahl - Schären-Göteburg – Läsö - Kleiner Belt – Glücksburg.“ Ja, da waren wir, aber was ist die Geschichte hinter dieser dürren Meldung? Ich will sie erzählen und wen sie interessiert kann weiter lesen. Wer nicht weiter liest, verpasst vielleicht was Spannendes. Wer weiß?
Flaute. Wir liegen vor der Hafenausfahrt von Skagen. Ein freundlicher dänischer Fischer hat uns aus dem Hafen geschleppt. Sonntagabend, der 15.Juni, 19.00 Uhr. Eigentlich hatten wir alle uns das ganz anders vor- gestellt: morgen in der Früh wollten wir auslaufen, erholt von der zwölfstündigen Anfahrt in zwei Bussen nach Skagen, erholt vom stunden langen Einräumen des Schiffs bis spät in die Samstagnacht. Aber die Wettervorhersagen, die wir über das Internet und unser Wetterfax an Bord bekommen, sind eindeutig: Wind aus West von 4bis 5 Beaufort mit Schauerböen und am Donnerstag starkem Regen. Wir wollen nach Südnorwegen, so hoch an die Westküste wie der Wind es zulässt, also bei West ziemlich genau gegen an. Am Nachmittag bläst es aus Süd. Der Wind ist kalt. Strahlender Sonnenschein wechselt ab mit durchziehenden Regenfronten, begleitet von Gewittern und böigem Wind. Der Südwind soll bis morgen halten, dann auf West drehen. Also nichts wie weg, damit wir, wenn er auf West dreht im Norden sind und nicht gegen an müssen.
Deswegen liegen wir jetzt hier in der Flaute. Unter Vollzeug schaukelt ANITA träge mit flappenden Segeln in der öligen leichten Dünung als wollte sie sagen warum tut ihr mir das an. Und zu allem Elend habe ich auch noch Backschaft. Vierundzwanzig Stunden bin ich abgestellt, unserem Smut, der bei uns eine Köchin ist und Margitta heißt, zu helfen. Aber es stellt sich schnell heraus, es ist alles halb so wild. Margitta ist lieb und geht sehr rücksichtsvoll um mit ihren Backschaftern. So reduziert sich das Ganze schnell auf Spülen und Schiff sauber halten.
Mit dem Auslaufen hat unser Wachrythmus begonnen: Wir fahren zweier Wache von jeweils 5 Stunden mit Ausnahme der Hundewache, die nur 4 Stunden dauert. So ist sicher gestellt, dass die Wachen springen, also man ständig einen anderen Wachablauf hat. Meine erste Wache endet kurz nach unserem Auslaufen um 19.00 Uhr. Meine Gefährten Dominik, Petra und Gernot verziehen sich nach dem Abendessen- Gemüseeintopf mit Kartoffeln und Würstchen - in die Kojen. Als Backschafter habe ich den Abwasch zu machen, zu putzen und aufzuräumen. Von 22.00 Uhr bis 24.00 Uhr ein kurzes Nickerchen. Dann Hundewache bis 4 Uhr früh. Es ist kalt und Flaute. Schwere Regenwolken hängen am Himmel wie schwarze Kissen, am Horizont Wetterleuchten. Träge vergeht die Zeit, der Sekundenzeiger unserer Borduhr schleppt sich von Strich zu Strich. Die ANITA dümpelt in der See. Wo ist bloß der Wind hin?
Wir lernen uns kennen: Dominik unser Wachführer. 27 Jahre alt. Das erste Mal in dieser Funktion an Bord. Aufgeregt, ehrgeizig, möchte keine Fehler machen. Petra, 49, eine erfahrene Seglerin, war mal Segellehrerin und segelt Regatten. Die erste Frau, die ich kennen lerne, die beweist, dass Nagelack und Lippenstift kein Gegensatz zu gutem Segeln sein müssen. Gernot mit 69 der Älteste und nicht mehr so flexibel, ruhig, manchmal schroff und griesgrämig, vor allem morgens, wenn die einzige Toilette an Bord nicht frei ist. Wir die Steuerbordwache werden ergänzt durch die Backbordwache mit dem 45 jährigen Holger als Wachführer. Sehr erfahrener Segler, guter Navigator, Regattasegler, hat viel Humor und ist wie Dominik rastlos bemüht, alles, was auf ANITA zu reparieren ist, nach Anweisung unseres Skippers in Ordnung zu bringen. Dann Christian. Verträgt mit seinen 59 Jahren von uns allen am meisten Bier, singt leidenschaftlich gern mit tiefen Bass, weiß unendlich viel Witze und hat bei weitem die meisten ANITA Törns von uns auf dem Buckel. Martin mit 38 Jahren der Zweitjüngste. Das Gegenteil zu Christian, zurückhaltend, fast schüchtern. Ja, und dann Ralf: 58 Jahre alt, früher Regattasegler auf einem Tornado, zur See gefahren, erster Törn auf der ANITA, aber findet sich spielend zurecht auf dem Schiff, ein Kind des Nordens (er kommt aus Bremen) und der See mit jenem trockenen Humor, der diesen Menschenschlag so liebenswert macht.
Zusammengehalten wird unsere Crew durch Tobias, unseren 44jährigen Skipper, pünktlich, ordentlich, fleißig. Regattasegler auch er, sicher einer der besten Kenner der ANITA, und als Skipper demokratisch-autoritär. Nein, bei ihm ist dies kein Widerspruch: Er lässt uns mit diskutieren, fragt nach unseren Wünschen und berücksichtigt sie soweit wie möglich, aber als langjähriger erfahrener ANITA Skipper entscheidet er doch letztlich allein, was gemacht wird.
Irgendwann endet jede Flaute. Es kommt ein leichter Südwest. Endlich verschwindet Skagen hinter dem Horizont. Mittlerweile ist es Montagnachmittag und nach einer Stunde ist der Wind wieder weg. Langsam verlieren wir das Gefühl für die Zeit. Wache – Schlafen – Wache – schlagende Segel – dümpelndes Schiff. Der Tag geht, die Nacht kommt, wunderbar klar mit dem vollen Mond im Osten und der sinkenden Sonne im Westen. Es ist etwas wärmer und wir sind alle an Deck um Mitternacht und stoßen an auf das Wohl von Margitta, die heute Geburtstag hat. Dann endlich in meiner Wache von 4 Uhr früh bis 9 Uhr Wind mit 2 bis 3 Beaufort aus West. Um nicht voll gegen an zu müssen, ändern wir unser Ziel. Nicht mehr die Westküste Südnorwegens steuern wir an, sondern Arendal an der Ostküste. Wieder schläft der Wind ein, aber bald kommt er zurück und jetzt stimmt die Richtung für uns. Mit Backstagsbrise und bei strahlend blauem Himmel geht es hinein in den Arendal Sund. Jetzt erleben wir das, weshalb wir eigentlich hier sind: Schärensegeln. Auf glattem Wasser scheint ANITA durch den Sund zu schweben. Als wir dann an einem flachen Steg fest sind, müssen wir uns vergegenwärtigen, dass es erst Dienstagmittag ist und wir nur zwei Nächte und eineinhalb Tage auf See waren. Wir haben die Relativität von Zeit erlebt.
Arendal wird für mich immer verbunden bleiben mit dem fünfundsechzigsten Geburtstag von Margitta, unserem Smut. Bei herrlichem Wetter spazieren wir durch die Fußgängerzone, die so hässlich ist wie die bei uns auch, erklimmen dann aber die Hügel, an denen sich das Städtchen hoch schlängelt und genießen herrliche Aussichten auf den Sund. Wir entdecken ein elegantes, weiß eingedecktes, aber leider auch teures Fischlokal. Spontan schlagen Petra und ich Margitta vor, sie dahin einzuladen. Nie werde ich ihr glückliches Lächeln vergessen – ein Lächeln, das zeigt, dass sie sich freut, so geschätzt zu werden. Aber es kommt dann doch nicht dazu. Der Mehrheit unserer Crew ist das Lokal zu teuer und zu fein nach dem Motto: „Man bezahlt hier nur für die fein eingedeckten Tische.“ Da es keine andere vernünftige Alternative gibt, landen wir am Ende beim Kochen an Bord und wer macht das: natürlich Margitta, denn nur sie hat den Überblick über unsere Vorräte. Das Ganze wird nur wenig abgemildert dadurch, dass wir eine tüchtige Menge Shrimps kaufen und alle mit helfen. Wie immer ist Margitta tapfer und macht gute Miene zum bösen Spiel – ein echter Segelkamerad!
Am nächsten Morgen Regen. Erst kurz nach 12.00 Uhr klart es etwas auf. Unruhig geht unser Skipper über Deck, auf und ab wie ein Tiger im Käfig, schaut zum Himmel, saugt vernehmlich die Luft ein, wirkt nervös und fahrig, weiß nichts mit sich an zu fangen. Alles an ihm signalisiert: ich halte es hier nicht mehr aus! Und dann für uns alle wie eine Erlösung das Kommando: „Fertigmachen zum Ablegen!“ Endlich geschieht etwas. Wie elektrisiert setzten wir am Steg alle Segel. Aber segeln ohne Wind mit einem Schiff ohne Maschine? Der zur See hin setzende Strom im Sund trägt uns weg von unserem Steg. Und da, ein Windhauch und dann bald richtig Wind wie auf Bestellung, zwar wieder gegen an, aber der Sund ist breit genug zum Kreuzen. Kann unser Skipper den Wind riechen, oder war es einfach nur Glück?
Der Südwest bleibt uns erhalten die nächsten Tage und das schöne Wetter auch. Wir stürmen bei wolkenverhangenem Himmel und bis zu 6 Beaufort Wind nach Süden. Teilweise heftige Dünung mit 3bis 4 Meter hohen Wellen. ANITA benimmt sich wie ein Rennpferd, das endlich laufen darf. Wie wir scheint sie sich zu freuen, dass das Flautensegeln endlich vorbei ist. Sie steigt die Wasserberge hinauf und surft elegant mit bis zu 10 Knoten Fahrt in die Wellentäler hinein. Es ist ein Segeln wie nur sie es zu bieten hat – eigentlich unbeschreiblich! Einen Wehrmutstropfen gibt es aber doch: Bei dem starken Wind sind wir mit ANITA zu schnell für die Schären. So segeln wir außen vorbei. Das Kattegatt mit seiner rauen See hat uns wieder. Erst nach 60 Seemeilen halten wir an und eigentlich auch nur deshalb, weil es Christian sehr schlecht geht mit seiner Gicht, und er dringend Medikamente braucht. Im Langesundfjord fällt der Anker mit 20 Meter Kette, aber er hält nicht. Also die Kette wieder hoch kurbeln, natürlich von Hand wie alles auf ANITA und erneuter Versuch mit mehr Kette. Jetzt hält er. Nach mit viel Liebe von Margitta gemachten Thunfisch Sandwichs gehen wir zufrieden in die Kojen bis, ja bis zur Ankerwache. Meine ist von 4bis 5 Uhr früh – windstill, relativ warm und ein kurzes intensives Rot hinter den Bergen, das den Sonnenaufgang ankündigt. Aber die Sonne zeigt sich nicht, schwarzverhangener Himmel. Man ist wie außer der Welt und träumt.
Es ist Donnerstag und der angekündigte Regentag kommt pünktlich. Dazu wird es richtig kalt. Die angekündigte Kaltfront scheint jetzt über uns hinweg zu gehen. Das Leben findet weitgehend unter Deck statt. Dort ist es kalt, dunkel, eng und feucht. Nein, ein Wohndampfer ist ANITA wirklich nicht. Aber dann kommt der Wind zurück und wir erleben wieder einen dieser unvergleichlichen Segeltage wie man sie nur mit dieser Rennziege erlebt. Weiter geht es nach Süden in rauschender Fahrt bei Wind aus SSW der Stärke 5 bis 6, Sonne und blauem Himmel – Kaiserwetter, sagte man früher dazu. Wir segeln unter Fock und Besan in ausgelassener Stimmung, wenn auch wie gehabt gegen an. Abends dann machen wir nach ein einigen kniffligen Manövern wie man sie nur bei einem Schiff ohne Maschine, das in einem engen Fahrwasser aufkreuzt, erleben kann, an einem Steg in Knarrberg im Oslofjord fest.
Samstag, 21.Juni, Mittsommernacht. Wir haben Norwegen verlassen mit Südwest der Stärke 4-5 unter Fock und Besan mit doppelt gerefftem Groß. Das ständige Aufkreuzen ist zwar lästig, weil man nur langsam vorwärts kommt, aber das Segeln mit ANITA hoch am Wind ist einfach die Krönung des Segelns. Wir liegen vor Anker an der Südostseite der schwedischen Insel Kosterhamnen. Wunderschönes Wetter mit Sonne und strahlend blauem Himmel, aber der Südwestwind, der uns trotz des Inselschutzes noch etwas erreicht, ist kalt. Wir haben drei Ereignisse zu feiern: Unser Bergfest, die Taufe der Neulinge auf der ANITA und Martins Geburtstag um Mitternacht. Wir erleben eine lustige Taufe mit Neptun an Bord, einen wundervollen Sonnenuntergang und eine lange feuchte Nacht, die diesmal nicht vom Regen kommt.
Die zweite Hälfte unseres Törns beginnt mit Stress pur. Als wir am nächsten Morgen spät aufstehen, hat sich der Himmel zugezogen. Ein bleigrauer Himmel mit schweren tiefschwarzen Regenwolken empfängt uns. Es regnet. Der Wind hat auf Süd gedreht, weht uns also genau entgegen. Pech, umso mehr, als er dazu noch sehr schwach ist und es immer wieder regnet. Bei solchen Bedingungen fragt man sich dann schon, warum man das eigentlich macht. Andererseits die letzten Segeltage waren es wert. Ehe wir ganz in Trübsal verfallen, macht unser Skipper die Trickkiste auf: „Mann über Bord“, gellt es über das Schiff und ein präparierter Plastiksack geht über Bord. Das anschließende Resümee ergibt einstimmig, dass es wohl kaum möglich sein wird unter wirklich harten realistischen Bedingungen, einen von uns aus der See zu bergen. Spätestens jetzt nimmt sich Jeder vor, lieber früher als später Rettungsweste mit Lifebelt zu tragen.
Unser Ziel ist Lysekil, und langsam kommt auch der Wind, aber damit wird auch die See rauer. Wir müssen jetzt höllisch aufpassen, die Wellen einigermaßen auszusteuern, sonst kracht ANITA so unsanft in ein Wellental, dass die Vorschiffsleute aus den Kojen fliegen. Der Wind nimmt langsam aber stetig zu. Die Segler, die uns anfangs begleiten, oder uns entgegenkommen verschwinden. Sie suchen Schutz in einem der Fjorde, an denen wir vorbei rauschen. Wir können das nicht, denn ohne Maschine sind sie zu eng für uns. Über Kanal 16 eine Sturmwarung. Unter Fock und Besan schneidet ANITA durch eine aufgewühlte See. Das Schiff liegt hart über, immer wieder schlagen Brecher über das Deck, die mit ihrer Gischt den Rudergänger einhüllen, oder eine dieser Wellen schlägt ins Cockpit und durchnässt die Frau oder den Mann am Ruder total. Unter Deck ist alles nass, wegen der starken Schräglage wird das An -und Ausziehen zur Tortur. Es ist, als ob man sich auf einem bockenden Rodeogaul eben mal umziehen wollte. Ist man irgendwie glücklich in seine miefige, feuchte Koje gelangt, wird man darin herumgeworfen wie ein Kleidungsstück in der Trommel einer Waschmaschine und man sehnt sich zurück nach der frischen Luft und den kalten Seeduschen am Ruder. Kochen ist nicht mehr. Man lebt von Tee, Suppe und Zwieback, einigen ist schlecht. Für die anderen heißt das weniger Leute auf der Wache, also mehr Anstrengung bei diesen widrigen Bedingungen. Aber jetzt zeigt sich wie gut und erfahren die Crew ist. Es fällt kein böses Wort. Jeder nimmt noch mehr auf den Anderen Rücksicht als bisher und ab und zu hört man selbst jetzt noch ein Lachen und dann Christian: selbst jetzt singt er noch! So geht das den ganzen Tag und die ganze Nacht.
Montagfrüh: Wache von 00.00 – 04.00 Uhr. Bis die Kleider, das Ölzeug und die Schwimmweste angezogen sind rinnt mir der Schweiß den Nacken hinab. An Deck werde ich mit einer eiskalten Seedusche, Wind um 7 Beaufort und einer aufgewühlten von Schaumkronen überzogenen See empfangen. Es ist dämmrig. Wir sind ja immer noch im hohen Norden. Wer jetzt über Bord geht, ist verloren, fährt es mir durch den Kopf. „Mann über Bord“ Manöver bei diesem Wetter einfach lächerlich. Sorgfältig picke ich den Lifebelt in die auf Deck gespannten Leinen ein und balanciere wie auf dem Drahtseil zum Cockpit. Rudergehen ist jetzt harte Arbeit, denn man sieht die Wellen kaum und verpasst man es, eine richtig anzusteuern, kracht ANITA mit dem Bug tief in die See. Unser ursprüngliches Ziel Lysekil ist nicht ansteuerbar, zu viel Wind bei der engen Einfahrt. Die nächste Möglichkeit Göteborg ist außerdem viel attraktiver.
Wache 14.00 – 1900 Uhr: Der Wind scheint noch heftiger und die See noch höher zu sein. Aber unser Skipper verneint dies. Unsere Sinne spielen uns diesen Streich. Wir sind alle übermüdet, weil keiner mehr schlafen kann. Wir sind zu fünft an Deck als es passiert: Tobias hat mich am Ruder abgelöst, als er plötzlich entdeckt, dass sich ein Stagreiter im unteren Drittel der Fock gelöst hat. Es gelingt uns, den Besan zu bergen. Dann gehen Dominik und Holger nach vorn. Als Tobias die Yacht in den Wind dreht, kommen wahre Sturzseen über Deck. Weil ich mich nicht mehr halten kann, habe ich mich hinter die Winschen an Deck gesetzt. Auch hier Wasser überall, sodass ich die Schoten kaum finden kann. Natürlich passiert das alles auf Legerwall vor einer Tonne hinter der es schnell sehr flach wird. Unaufhaltsam treiben wir jetzt, wo die Fock unten ist, auf die Untiefe zu. Aber dann gelingt es den Beiden, die Fock zu setzen. Als ich dicht holen will, geht gar nichts. Durch das schlagende Segel haben sich die Schoten fest ineinander verdreht. Jetzt haben wir ein echtes Problem, denn die Tonne scheint jetzt wie ein Magnet, der die ANITA zur Untiefe zieht. Fieberhaftes Klarieren der Schot! Schot dicht! Zögernd, wild stampfend und sich unter den überkommenden Seen schüttelnd passiert ANITA knapp die Tonne.
Um 17.00 Uhr stehen wir endlich am Eingang zum Götakanal. Wir hoffen immer noch, dass der Wind etwas abflaut, aber den Gefallen tut er uns nicht. So rauschen wir unter Fock mit Starkwind den Kanal hoch. Keiner weiß, wo wir anlegen können, denn außer Christian war noch keiner hier, und er erinnert sich auch nicht mehr so genau. Große Manöver können wir bei diesen Windverhältnissen in dem Kanal nicht machen. Dazu ist es zu eng, außerdem herrscht starker Schiffsverkehr. Also muss das Anlegen auf Anhieb klappen. Aber wo? Schnell, zu schnell zieht das Ufer an uns vorbei. Da, ein längerer Liegeplatz an einem Stegkopf. Blitzschnelles Manöver jetzt: Nieder die Fock! Schiff dreht auf den Steg zu! Aufschiesser! Es klappt nicht! Kurz vor der Pier bleibt ANITA im Wind liegen, aber der Abstand ist zu groß, dass Jemand überspringen könnte. Unter topp und Takel vertreibt das Schiff sofort. Aber wir haben Glück und erwischen einen Poller am Ende des Stegs dahinter. Wir sind fest nach knapp 24 Stunden Starkwind. Um das Schiff sicher zu vertäuen, müssen wir es mit Ankerwinde und Seilen langsam gegen den Wind längsseits an den Steg verhohlen. Zwei weitere Sunden Schinderei! Dann endlich in trockene Klamotten und etwas Richtiges zwischen die Zähne. Margitta hat mit großer Geduld ihr Essen warm gehalten. Es gibt Gulasch mit Spätzle.
Göteborg am nächsten Morgen. Herrliches Wetter aber nach wie vor starker Südwest. Schiff klarieren. Unsere Bierlast muss neu gestaut werden. Einiges ist bei dem harten Aufkreuzen zu Bruch gegangen. Ich muss meine gesamte Wäsche trocknen. Am Mastfuß drang Wasser ein und lief in den Schrank neben dem Mast. Mittags dann Stadtbesichtigung. Eine schöne alte Seestadt, die einen längeren Aufenthalt wert gewesen wäre. Aber wir müssen weiter, denn wir gehen mittlerweile davon aus, dass der Wind nicht in eine uns genehme Richtung drehen wird, sondern wir die ganze restliche Strecke gegen an müssen. Und so kommt es dann auch. Der Wind flaut ab, bleibt aber südwestlich. Kurz dürfen wir noch einmal Schärensegeln erleben, denn wir verlassen Göteborg durch seinen Schärengarten. Dann quer über das Kattegatt zur Insel Läsö, eine Premiere für die ANITA. Bewundernswert wie unser Skipper die ANITA durch die enge Hafenanfahrt manövriert. Dort machen wir nur Halt, um das Fußballspiel Deutschland gegen die Türkei während der Europameisterschaft zu sehen. Dabei geht das fast schief. Erst finden wir keinen Fernseher. Dann doch einen im Clubhaus des Segelvereins, aber dort hat es bei dem Sturm die Satellitenschüssel abgerissen. Hingebungsvoll wird sie uns, den Gästen, zu- liebe wieder angebracht. Aber bis ein einigermaßen erkennbares Bild da ist, ist die erste Viertelstunde der Übertragung um. Trotzdem, danke ihr lieben Dänen!
Weiter geht es direkt nach dem Spiel Richtung Insel Anholt. Wenig Wind. Petra fasst unsere Situation auf diesem Törn resigniert zusammen: „Wir haben entweder Hack oder Dümpeln.“ Irgendwann schaffen wir es dann doch mit moderatem Südwest östlich an Anholt vorbei zu kommen. Dann legt der Wind zu. Mit bis zu 8 Knoten geht es zum Kleinen Belt. Dann ist der Wind nach einem Regenschauer wieder weg. Es ist mit 14 Grad nicht gerade sommerlich warm. Langeweile. Die Witze werden auch immer schwächer und das Lachen klingt gequält. Wir wollen einfach weiter, nach Hause. Freitagmittag dann endlich der heiß ersehnte Wind, wenn auch wieder aus Südwest, aber immerhin mit 4 Beaufort. Blauer Himmel und Sonnenschein. Wir kreuzen auf glatter,tiefblauer See durch den kleinen Belt. Ein traumhaftes, faszinierendes Segeln wie man es nur auf der ANITA erleben kann.
Samstag früh laufen wir bei grauem Himmel, Nieselregen und schlechter Sicht in Glücksburg ein. Wir frieren und sind erschöpft, glücklich, es noch rechtzeitig geschafft zu haben, denn heute ist Törnübergabe.
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