Plötzlich Stillstand. Aber auf unserem Segelschiff bricht keine Panik aus. Über uns der hohe Himmel Hollands. Um uns herum die Weite des Wattenmeeres, dessen sandiger Grund unsere 15 Meter lange Lemsteraak „Saeftinghe gestoppt hat.. Stehen wir im Wasser, oder sitzen wir fest auf Land?
Schwer zu sagen, denn noch umgibt Wasser das Schiff und doch sitzt es fest. Ein eigenartiges Gefühl, verstärkt noch dadurch, dass um unser Schiff das Wasser wegläuft, langsam, aber stetig und unaufhaltsam, und man so das Gefühl hat, man fahre noch. Mit seinem breiten Rumpf und flachen Boden setzt sich das Schiff nach und nach fast gemütlich auf den durch das ablaufende Wasser entstehenden Sandstrand. Es gräbt sich ein wenig ein und macht es sich bequem wie eine Ente auf ihrem Nest, so als würde es hierher auf das Land und nicht ins Wasser gehören. Wir sind angekommen. Wir lassen uns im Watt trocken fallen und werden erst in ungefähr sechs Stunden, wenn die Flut zurückkommt weiterfahren können.
Begonnen hat dieses Abenteuer am Tag zuvor. Mit zwei Autos machen wir acht, Andrea, Karl-Heinz, Hanne- Marie, genannt Mausi, Thommy, Helmut, Renate, Karin und Wolfgang, uns am Freitag den 4.Mai auf nach Makkum am Ijesselmeer. Über den Veranstalter ScheepsWijs Vaarcursussen haben wir für ein Wochenende eine Lemsteraak gechartert mit der Instruktorin Marianne van der Linden, die uns zeigen wird, wie das Wattsegeln funktioniert und was man beim Trockenfallen beachten muss. Einige von uns kennen Marianne vom letzten Jahr, wo sie uns beigebracht hat, wie überhaupt ein Plattbodenschiff, denn das ist die Lemsteraak, gesegelt wird. Wir waren so begeistert von dieser ganz eigenen Art des Segelns und unserer Lehrerin, dass wir jetzt diesen Aufbaukurs wieder bei ihr gebucht haben.
Die Anreise verläuft mit den üblichen Staus. Auf den letzten Kilometern fahren wir direkt am Meer entlang. Der weite Blick über die See! Das im Wind flatternde Riedgras! Die Kühe auf den dunkelgrünen von glitzernden Prielen durchzogenen Wiesen! Die behäbigen von Alleen geschützten Bauernhöfe! Und über all dem dieser hohe blaue Himmel mit weißen, rasch dahin eilenden Wolken. Der Alltag fällt ab von uns. Wir freuen uns auf unseren Törn.
Ankunft in Makkum bei untergehender Sonne. Sie sieht wunderbar aus unsre Lemsteraak, wie sie da liegt, ganz für sich am Steg, blankgeputzt und sehr gepflegt. Wir werden empfangen von einem langen Kerl, starkknochig, braungebrannt, helles Haar, Hakennase, kleinen schmalen Augen. Er ist freundlich, hat aber die für manche typisch arrogante Ausstrahlung des Nordländers gegenüber den Binnenländern. Wir besichtigen das Schiff: großzügige, gut ausgestattete Pantry, riesiger Messetisch, an dem zehn Personen Platz finden und zehn Kojen verteilt auf fünf abgeschlossene Kabinen. Hier unten im Schiff macht sich die Breite von 4,50 Meter bezahlt. Alles ist sehr sauber und gepflegt. Die Kojen sind frisch bezogen.
Nach einem guten Abendessen in einem chinesischen Restaurant- leider finden wir kein Fischlokal!- treffen wir Marianne am Schiff wie immer voll guter Laune und eine große Ruhe ausstrahlend, was das Segeln mit ihr so angenehm macht. Zur Unterstützung hat sie eine Kollegin mitgebracht. Ini Golbach ist wie sich bald zeigt eine hervorragende Ergänzung zu Marianne, gerade, was die Unterrichtsmethoden angeht. Marianne hat eher einen fordernden Charakter: Wenn sie einen mit ihren scharfen blauen Augen mustert, gibt es kein Ausweichen, entweder du weißt es oder nicht, während Ini eher auf uns zugeht, sanfter, fragender und zurückhaltender.
Bis tief in die Nacht werden Pläne für den nächsten Tag geschmiedet. Wir haben alle Kursmaterial (Erklärungen zu Karten-und Tidennavigation mit Seekarten des Watts und den entsprechenden Fragen, um sein Wissen zu testen) nach Hause geschickt bekommen. Bei unseren Diskussionen zeigt sich schnell, wo es noch Wissenslücken gibt, aber mit Hilfe unserer beiden Lehrerinnen lösen sich alle Probleme wie von selbst. Das entscheidend Neue für uns, die wir alle das erste Mal im Watt segeln wollen, wie stark die Gezeiten die Tagesaufteilung beeinflussen. Es geht zum Beispiel nicht nur darum, wo welcher Wasserstand ist, sondern vor allem auch wo du wann mit welcher Strömung zu rechnen hast, denn teilweise sind diese Strömungen so stark, dass wir mit unserem Boot kaum dagegen ankommen würden. Und dann das Trockenfallen, morgen unser Hauptziel. Du kannst nicht einfach irgendwohin fahren, und warten bis das Wasser wegfällt, denn du hast Wind und Strom und solltest dich nicht auf Legerwall befinden, wenn das Wasser zurückkommt, denn sonst kann es passieren, dass du nicht wegkommst.
Wir erwarten morgen Nordwind um 4 Bft. ,leicht bedeckten Himmel, keinen Regen und Temperaturen um 15Grad. Mit der Gezeiten und Strömungssituation morgen ergibt sich ein Kurs Richtung Den Oever, dort trockenfallen und nach Rückkehr des Wassers in der Nacht in den Fischereihafen von Den Oever segeln.
Samstagmorgen: Das erwartete Wetter ist da. Ein kalter Nordwind empfängt uns an Deck und treibt die Restmüdigkeit der langen Nacht aus den Knochen. Da einige von uns zum ersten Mal auf einem Plattbodenschiff sind und die anderen auch manches vergessen haben, gibt es zuerst eine ausführliche Schiffseinweisung. Motorhandhabung, Ankerwinsch, Fallen, Schoten, Backstage, ja und nicht vergessen die mächtigen Schwerter rechts und links am Schiffsbauch, die mit Winschen hochgezogen und abgelassen werden. „Wo wird das Schwert gefahren?“, die stahlblauen Augen Mariannes ruhen auf dir, fordernd, unausweichlich direkt. Du überlegst: Schwert, soll Abtrifft verhindern. Dann eher zögernd: „Wohl in Lee!?“ Ein breites Lächeln von Marianne belohnt die richtige Antwort. Dann werden die Aufgaben verteilt. Jeden Tag macht jeder etwas anderes und auch innerhalb des Tages wird gewechselt, sodass jeder Segel setzt, Ruder geht, navigiert usw.
Abgelegt wird unter Maschine und den strengen Blicken des Eigners an Land. Aber alles geht Bestens. Dann Segel setzen bei halbem Wind, auch das neu, für die, die noch keine Erfahrung auf einem Plattbodenschiff haben. „Mal sehen wie der Kahn läuft“, meint Thommy am Ruder. Sanft mit kaum Krängung legt sich das Schiff in die Wellen, es scheint sich richtig wohl zu fühlen und in der Pantry bleiben sogar die aufgestapelten Gläser auf ihrem Platz. Mit vier Knoten rauschen wir zu auf die Schleuse von Kornwerdersand, hinter der das Wattenmeer auf uns wartet.
Eine Schleuse!! Wie wird das wohl gehen mit dem Schiff? Aber es geht ganz einfach. Segelbergen, dann unter Motor langsam neben anderen, teilweise noch größeren Plattbodenschiffen in die großzügig bemessenen Schleuse. Langsam strömt das Wasser aus und ohne Probleme verlassen wir die Schleuse.
Wir richten unseren Weg durch die gut betonnten Fahrwasser im Watt so ein, dass wir zwei Sunden nach Hochwasser in der Gegend sind wo wir trockenfallen wollen. Dann nähern wir uns nur mehr mit dem Großsegel und ständig mit einem Stock lotend immer mehr dem Land, bis für uns alle dann doch überraschend, das Schiff ganz sanft in den Sand läuft. Großsegel wird geborgen, Ankerball gesetzt und dann warten wir bis das Wasser soweit gefallen ist, dass wir eine Wattwanderung machen können. Zum Abschluss ein Gläschen Rheingauer Wein neben dem hoch und trocken liegenden Schiff.
Dabei beobachten wir wie das Wasser zurück kommt. Dauerte uns das Trockenfallen viel zu lang , so sehen wir jetzt wie schnell das Wasser zurückkommt. Wenn du da zu weit von deinem Schiff entfernt bist, hast du keine Chance, denn das Wasser kommt viel schneller als ein Mensch laufen kann.
Als wir alle wieder an Bord sind, bumst das Schiff bereits heftig auf im Sand. Bis wir ganz frei sind dauert es aber doch noch einige Zeit, während der uns der zuvor ausgebrachte Anker auf der Stelle hält. Erwartungsgemäß hat der Wind auf Südwest gedreht, und nach einem üppigen Abendessen mit gefüllten Eiern, Spaghetti Bolognese und Erdbeeren in Sahnequark segeln wir nach Den Oever.
Inzwischen ist es dunkel und um uns herum blinken und blitzen die Leuchtfeuer der eng zusammen liegenden Fahrwasser des Wattenmeeres. Man kann sich hier leicht versegeln und so heißt es genau die Feuer auszuzählen. Wie war das doch gleich, Blink, - Blitz, - Gleichtaktfeuer? Im Schnellkurs bringt uns Ini wieder auf den aktuellen Stand und sicher erreichen wir gegen 23.00 unseren Hafen, wo wir an einem großen Motorboot fest machen.
Sonntagmorgen: Unter Segeln bei ablandigem Wind ablegen! Auch das bei diesem Schiff kein Problem, wenn man den Trick kennt. Er besteht darin, das Großsegel halb zu setzen und dann erst die Fock. Herrliches Segelwetter! Wind aus Südwest von 4bis 5 Bft., leicht bewölkter Himmel, Sonne, wärmer als gestern. Unser Schiff pflügt mit breiter Bugwelle durch die steilen kurzen Wellen des Wattenmeeres. Aber nur selten kommen ein paar Spritzer an Deck. Das Steuern mit dem gut bemessenen Ruderrad ist leichter und angenehmer als die direkte Pinnensteuerung, die wir bei unserem letzten Charterschiff hatten. Zunächst geht es Richtung Texel durch enge Fahrwasser, in denen genaue Tonnennavigation unerlässlich ist. Man muss sehr aufmerksam segeln, denn wir haben starken Strom, der uns zwingt teilweise bis zu 20 Grad vor zu halten, um im Fahrwasser zu bleiben. Immer wieder queren wir auch andere Fahrwasser, wo es dann schnell passieren kann, dass man Tonnen verwechselt, zumal der Wind leicht rückdreht und wir dadurch häufig halsen müssen. Auch dies übrigens ein Manöver, das auf diesem Schiff sehr überlegt durchgeführt werden muss, denn das Großsegel hat viel Fläche, hinzu kommen Wechsel von Backstag und Schwert. Schnell wird da etwas vergessen und vor allem muss die Reihenfolge stimmen! Ebenso beim Reffen des Großsegels, das wir jetzt angehen müssen, denn der Wind hat inzwischen 6Bft. erreicht.
In einem kurzen Bogen dann zurück bei ablaufendem Wasser zur Schleuse Kornwerdersand. Wir haben zwei Möglichkeiten: Über ein Wantie, also eine besonders seichte Stelle, die entsteht, wenn zwei gegenläufig Strömungen zusammentreffen, oder auf einem längeren Weg darum herum. Heftig wird gerechnet. Ja, es müsste reichen! Marianne macht uns darauf aufmerksam, dass keinesfalls zu knapp gerechnet werden darf, da oft Wind die Wasserhöhe über solch extremen Untiefen beeinflusst und auch die Flut nicht immer wieder gleich hoch dort aufläuft. Sitzt man also einmal fest, kann es lange dauern bis man frei kommt. Aber, sicher wie wir uns sind, riskieren wir es. Über der Untiefe schüttelt sich das Schiff unwillig und bockt wie ein Pferd vor einem Hindernis. Wir loten. Noch 40cm unter dem 1.10 Meter tiefen Schiffsboden. Knapp, aber es reicht. Und dann ist der Spuk auch schon vorüber.
Der Rest ist Routine. Als wir durch die Schleuse sind, hat der Wind sogar noch etwas zugelegt, und unter Fock segeln wir nach Makkum. Der Himmel hat sich zu gezogen, leichter Nieselregen fällt. Das schöne Wetter ist vorbei und unser schöner Törn, bei dem wir viel gelernt haben, ebenso.
Wer Lust hat, so etwas mal selbst aus zu probieren, kann sich alles Wissenswerte holen unter www.scheepswijs.nl
Dort sich an Marianne van der Linden wenden.
Wolfgang Lörcher |