| Sie trägt ihren Namen zu Recht, denn sanft, adagio wiegt sie uns in den dem vom starken Wind aufgewühlten Ijsselmeer. Alle Segel sind gesetzt, Klüver, Fock und Groß und mit diesen 110 m² schaukelt uns die 12 m lange Lemsterak wie dieser Typ Plattbodenschiff heißt durchs Wasser. Man segelt schnell und sitzt nach dem sportlichen Teil im Cockpit wie auf der Terrasse. Der sportliche Teil ,das heißt Ablegen und Auslaufen mit der kräftigen Dieselmaschine, mit der man, wenn man es kann, das Schiff mühelos beherrscht, Segelsetzen und Trimmen der Schwerter.
Aber der Reihe nach. Um zu lernen sind wir, Hanne, Karin, Karl-Heinz und Wolfgang nach Hoorn am Ijsselmeer in Holland gefahren, dem Heimathafen der ADAGIO. Ein Wochenende lang wird uns Marianne einweisen in das Fahren eines Plattbodenschiffs unter Segeln und Maschine.
Bereits Freitags fahren wir los, aber obwohl wir zeitig aufbrechen, kommen wir nicht durch ohne einen 12km Stau. Trotzdem bleibt noch Zeit, nicht den direkten Weg über Amsterdam zu nehmen, sondern über den Damm quer durchs Ijsselmeer nach Hoorn zu fahren. Auf dem Damm halten wir an und blicken über die weite graugrüne Fläche des Ijsselmeeres. Der Himmel hängt voll schwerer Wolken, der Wind zerrt an unseren Jacken. „Jetzt weiß ich warum meine Autofarbe nordseegrün heißt“, sagt Hanne.
Dann stehen wir am Kai im Hafen von Hoorn. Da liegt sie, die ADAGIO. Der erste Eindruck, Breite. Sie wirkt wie eine dicke Ente. Ihre Länge werden wir erst beim Fahren realisieren. Steil ragt ihr Klüver in den Abendhimmel und das breite, gemütliche Cockpit scheint uns zuzurufen: „Nehmt Platz und genießt einen Drink, aber bitte keine Hektik!“
Kaum haben wir uns mit ihrem Anblick vertraut gemacht, kommt der Eigner und wir können an Bord. Eine komfortable Treppe führt in den Salon, breit wie ein Wohnzimmer, ausgestattet mit zwei herrlichen Sofas und einem breiten Tisch, an dem die sieben Segler, die maximal an einem solchen Kurs teilnehmen können, mit der Instruktorin bequem Platz haben.
Integriert in den Salon eine Pantry mit 4flammigem Gasherd. Dann ein schmaler Gang, von dem Toilette und Dusche abgehen. Weiter geht’s mit der Eignerkabine, ausgestattet mit einer Doppelkoje und zum Vorschiff mit den Vorschiffskojen übereinander. Alles macht einen behaglichen, komfortablen Eindruck.
Am nächsten Morgen um 9 Uhr. Marianne unsere Instruktorin kommt pünktlich auf die Minute. Groß, blond, blaue blitzende Augen, braun gebrannt, aber keine Sonnenbankbräune, sondern die vom Wind der See,
kurze Hosen, die sehnige Beine sehen lassen, ein starker, sicherer Händedruck. Sie bringt zwei weitere Segler mit, Jeltsche und Hendrik.
Der Proviant wird ausgeladen und dank der zahlreichen Schapps schnell und mühelos verstaut.
Dann sitzen wir im Cockpit. Es ist sommerlich warm mit leichtem Wind hier im Innenhafen. Draußen sind es 3Bft. aus Südwest. „Ideales Segelwetter“, meint Wolfgang und nachdem wir uns etwas näher kennen gelernt haben, sind wir uns schnell mit Marianne, die übrigens „Mariann“ gesprochen wird, einig, dass wir heute das Segeltraining machen und morgen Motortraining, da das Wetter schlechter werden soll.
Zunächst aber erklärt uns Marianne das Schiff, vor allem die für uns völlig unbekannten Techniken von Gaffel, Klüver und Seitenschwertern, die statt des Kiels das Schiff beim Segeln auf Kurs halten. Dann der Anker: „Ganz einfach“, sagt Marianne: „Bremse zu, Getriebe rein, Bremse auf, dass man die Sperre lösen kann, Sperre lösen, Getrieberad festhalten, Bremse zu, Getriebe raus, Anker ist klar zum Fallen“. Und dann das Gefürchtete „Wer möchte es als erster machen?“ Schnell werden wir merken, dass keiner Marianne entgeht, keiner kann sich drücken. Auch, wenn sie nichts und niemanden direkt zu beobachten scheint, ihren Augen und Ohren entgeht nichts. Sie scheint mit diesem Schiff verwachsen, sodass seine zwölf Tonnen Gewicht zu Wachs in ihren Händen werden.
Wir werden aufgeteilt in zwei Gruppen, die eine übernimmt das Ablegen unter Maschine, die andere das Segelsetzen. Das Prinzip des Kurses greift sofort: Lernen durch Machen. Eine heiße Diskussion bei der Ablegegruppe:
Eindampfen in die Vor- oder Achterspring. Dann im Vorhafen Segel setzten. Vieles ist neu und ungewohnt. So zum Beispiel, dass man dabei nicht in den Wind muss, oder dass das Großsegel mit zwei Fallen bedient wird (Segel und Gaffel). Marianne sieht wie wir rotieren, aber sie greift nicht ein. Jede Gruppe hat für ihr Manöver einen Skipper bestimmt, der das Manöver koordiniert. Das Schiff hat ein ziemlich großes und schweres Ruderblatt mit langer Stahlpinne. An der steht Hanne und versucht, nachdem Groß und Fockgesetzt sind, verzweifelt Kurs zu halten. „Wolfgang der Ruderdruck ist zu groß, ich kann den Kurs nicht halten“, ruft sie. „Was tun“, denkt Wolfgang als Skipper für dieses Manöver eingeteilt. Segel aufmachen! Aber kaum ist das Kommando umgesetzt geht es erst richtig los: das Schiff rollt jetzt in den kurzen Wellen. „Mein Gott die Schwerter! Du hast sie völlig vergessen.“
Später lernen wir den Klüver setzen, und ADAGIO verwandelt sich bei den jetzt vier Windstärken von der dicken Ente in einen weißen Schwan, der mit leichter Neigung durch die See rauscht. Als der Wind noch stärker wird, bergen wir den Klüver und reffen das Groß.
Auch das für uns ganz neu, weil das Groß nicht in einer Mastnut gefahren wird, sondern offen und daher einfach von unten eingerollt werden kann.
Nach einem Traumsegeltag, gelungenem Anlegmanöver und einem selbstgekochten Abendessen sinken wir spät und voll Rheinwein in die bequemen Kojen.
Am nächsten Tag um 9.30 Uhr geht es weiter. In der Nacht fegt ein Sturm über das Ijsselmeer, dessen schwere Böen sogar im Innenhafen zu merken sind. Heute morgen ist es windig und regnerisch, aber nicht kalt. In unserem Salon dagegen ist es richtig gemütlich und als es dann draußen heftig zu regnen anfängt, sind wir ganz dankbar, dass der Tag mit Theorie beginnt. Alle Maschinenmanöver, die wir später im Vorhafen üben werden, werden vorher besprochen und teilweise heftig diskutiert. Als wir uns einig sind, hat es aufgehört zu regnen und wir bereiten das Ablegen vor. Dabei zeigt sich dann schnell : „Grau ist alle Theorie, die Tat allein macht das Genie“!
Wir fahren in den Vorhafen, eine ideale Wasserfläche zum Üben von Manövern unter Motor. Doch heute ist Wind, viel Wind. Draußen weht es mit 6-7Bft. und hier drinnen erreichen die Böen bis 4Bft. Aber Marianne zeigt uns, dass auch unter solchen Bedingungen alles mit diesem Schiff kein Problem zu sein braucht. Und so sind wir am Ende fast dankbar für die erschwerten Bedingungen, denn um so mehr können wir ausprobieren.
Zum Mittagessen zurück in den Innenhafen, da bei dem starken Wind im Vorhafen der Anker nicht hält.
Dann wollen wir erneut raus. Kurz vor der Schleuse, kommt uns ein riesiges Plattbodenschiff mit drei Masten entgegen. Wir müssen zurück und ausweichen, neben uns eine große Kunststoffyacht, die ebenfalls raus will und das Ganze bei stark böigem Wind. „Eine ideale Situation, um zu üben“, sagt Marianne zu Wolfgang, der an Ruder und Maschine schwitzt.
Aber natürlich geht mit ihrer sanften Hilfe alles gut, und schneller als gedacht ist auch dieser Tag vorbei.
Voll gefüllt mit Wissen und praktischer Erfahrung verabschieden wir uns von unseren beiden netten holländischen Mitseglern und von Marianne. Wir haben nicht nur viel gelernt, sondern auch ein herrliches Wochenende voll Spaß und guter Laune verbracht. Was will man mehr!
Wer jetzt Lust hat, das auch einmal auszuprobieren, kann sich an Marianne van der Linden wenden, unter info@scheepswijs.nl
Wolfgang Lörcher
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